Poesiealbum – Nostalgische Sprüche & Erinnerungen

Poesiealbum

Stammbuch Collage, geprägte Ornamente, 1839

Wer ein Poesiealbum aufschlägt, taucht in eine Welt der Erinnerung ein. Man liest Sprüche von Freunden, Lehrern, Eltern, die dazu oft liebevolle kreative Collagen und Zeichnungen auf der ihnen überlassenen leeren Doppelseite gefertigt haben.

Poesiealben und ihre Vorläufer, die Stammbücher, deren früheste Formen bis in das 16. Jahrhundert reichen, sind höchst individuelle und persönliche Erinnerungsstücke und damit kleine Schätze.

Im 16. Jahrhunderts entstand der Brauch im Umfeld der Universitäten, dass junge Männer ihren Freunden Namen, Wappen und Wahlspruch in ein Stammbuch schrieben. Damals waren viele Menschen arm und konnten nicht lesen und schreiben, insofern waren die Bücher nur Wenigen vorbehalten.

Erst im 18. Jahrhundert wuchs der Mittelstand und das Bildungsbürgertum. Unter dem Einfluss der Romantik und der allgemeinen Verbreitung von Poesie, Literatur und Malerei wurden Stammbücher populärer. Die Hochphase des Poesiealbum war allerdings das 19. Jahrhundert. In dieser Zeit entstanden durch neue Druckverfahren die ersten Oblaten, Glanzbilder und Papierornamente, die in wahre Kunstwerke verwandelt wurden. Und Poesiealben wurden eine Domäne der jungen Frauen.

Poesiealbum Design

Poesiealbum

Poesiealbum Lithografie, goldgepägt, 1862

Stammbücher waren früher kostbare in Leder oder Samt gebunden Bände und mit Gold geprägt. Das erste Blatt und der Spiegel, also der Inneneinband, waren oft aus teurem Buntpapier. Meist gehörte sogar noch ein verzierter Schuber oder eine Kassette dazu.

Die Bücher trugen Aufschriften wie “Heiligthum der Freundschaft” oder “Album Amicorum”. Hier konnte man sich eigentlich nur in bester Schönschrift verewigen.

Neben Zeichnungen wurden Scherenschnitte gefertigt und kleine selbstgestickte Bildchen eingeklebt, oft auch eine eigene Locke und getrocknete Blumen. Später dann Glanzbilder, Glitzerbilder, Oblaten und noch später Fotos, und die Aufkleber und Sticker unserer Zeit. Aufwendig und mit viel Liebe sind viele Einträge gestaltet.

Bis heute ist es üblich, dass jeder zwei leere gegenüberliegende Seiten zur freien Verfügung hat, rechts steht meistens ein Zitat, Gedicht oder Spruch, links ist der Platz für die kreative Gestaltung. Oft wird Text und Gestaltung aber auch zu einer Collage verbunden.

Ich halte mein Poesiealbum übrigens in großen Ehren und habe für das Titelbild eine Collage einiger wunderschöner Einträgen von meinen Mitschülern und meiner Familie erstellt.

Poesiealbum Verse Top 10

Und hier meine Sammlung der allerschönsten nostalgischen Poesiealbum Sprüche und Verse zwischen 1802 und 1918 aus alten Alben und Stammbücher. Einige stehen auch in dem Poesiealbum meiner Großmutter und einer sogar in meinem :-)

Freundschaftsbuch Collage Papierblumen 1850

Album Illustration mit Papierblumenapplikation, 1850

1.
Ohne Liebe ist das Leben,

Eine Blume ohne Duft,

Ist der Himmel ohne Sterne,

Ist das Weltall ohne Luft,

Ist die Sonne ohne Strahlen,

Ist der Mond ohn’ Silberschein;

denn ein Leben ohne Liebe

Kann kein rechtes Leben sein. ( 1918 )

2.
Könnt ich das Glück in Sträuße binden,

gewiss du solltest glücklich sein,

ich wollte ganze Sträuße binden

und alles Gute mit hinein  ( 1898 )

3.
Wenn alle untreu werden

Allein wir bleiben treu

Auf das die Treu auf Erden

Nicht ausgestorben sei. (1893)

4.
Der Erinnerung Blätter

Sind Zeugen vergangener Tage,

Darum rede Du, Blatt,

Wenn die Stimme verhallt  ( 1802 )

5.
Maienluft soll Dich umfließen

Veilchenodem um Dich wehn

Sprießen soll zu Deinen Füßen

Güldenkraut und Tausendschön

Rosen sollen Dich umregnen

Blüthen auf Dich niederschnein

Jede Seele soll Dich segnen

Jedes Auge Dein sich freun. ( 1863)

6.
Glück ist wie ein Sonnenblick;

Niemand kann’s erjagen,

Niemand von sich sagen,

Daß er heut und alle Frist

Ohne Wunsch und glücklich ist.

Glück ist wie ein Sonnenblick;

Erst wenn es vergangen,

Erst in Leid und Bangen

Denkt ein Herz und fühlt es klar,

Daß es einmal glücklich war.  ( 1911 )

7.
Mit Vielen theile Deine Freuden,

Mit allen Munterkeit und Scherz,

Mit wenig Edlen Deine Leiden,

Mit Auserwählten nur Dein Herz. ( 1845 )

8.
Wähle Dir zum Lohne

Freude mehr als Glanz

schwer ist ja die Krone,

leicht der Blumenkranz  (1910 )

9.
Wenn Du einst im fernen Lande

an dem Bach spazieren gehst

Und du siehst Vergißmeinnicht

Pflück es ab und Denk an mich  ( 1911 )

10.
Lebe glücklich frei von Schmerzen,

Freue Deines Lebens Dich,

und in Deinem guten Herzen

Sei ein Plätzchen auch für mich  ( 1868 )

 

Zum Abschluss noch dieser ganz traurige Vers aus der Zeit des ersten Weltkrieges, den ich sehr berührend finde:

Wenn plötzlich in dein Lebenslicht

Die Finsternis der Mächte bricht

Und Du nicht weißt, woher es kommt

Und Du nicht weißt, zu was es kommt

Dich tief erschüttert, macht sprachlos krumm

Tröst Dich der Spruch: Gott weiß warum. ( 1917 )

 

Quellen: Dokumentensammlung des Berliner Stadtmuseum.

Sehr empfehlenswert auch der süße, kleine Band “Berliner Poesiealbum – Wahre Freundschaft nur allein, soll bei uns unsterblich seyn” von Marlies Ebert und Sebastian Ruff in der Edition Stadtmuseum Berlin.

Author: Rain Elixirs

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