Der erste Designer – Charles Frederick Worth

Charles Frederick Worth

Charles und Marie Worth

Der Vater von Charles Frederick Worth (* 1826 in Bourne, Lincolnshire; † 1895 in Paris) war Alkoholiker und hatte die Familienfinanzen zerrüttet.

Deshalb wurde Charles von seiner Mutter mit 12 Jahren als Lehrling nach London geschickt, um den Tuchhandel zu erlernen. Seine Ideen von Mode sollen durch das Betrachten von Gemälden in der National Gallery in London entstanden sein.

Nach sieben Jahren Ausbildung bei dem Tuchhandelsunternehmen Swan & Edgar und den Seidenlieferanten von Königin Victoria Lewis & Allenby, kam er mit 20 Jahren nach Paris, um beim Handelshaus Gagelin & Opigez zu arbeiten.

Während seiner Anstellung in Paris lernte er seine spätere Frau Marie Augustine Vernet kennen, die auch sein erstes Model werden sollte.

Nachdem Worth 1856 zum Juniorpartner aufgestiegen war, versuchte er das Geschäft auf die Produktion von Kleidern auszudehnen. Da die Reputation für die Herstellung von Kleidung damals aber als so gering gegenüber dem Tuchhandel eingeschätzt wurde, gelang dies nicht. Worth gründete deshalb 1858 mit dem schwedischen Investor Bobergh ein eigenes Couture-Haus in der Rue de la Paix.

Aufstieg des Maison Worth

Charles Worth

Eugénie im Rokoko Kostüm, House of Worth

An einem kalten Abend im Dezember 1859 gingen Worth und seine Frau Marie am kaiserlichen Tuilerien Palast spazieren. Als sie sich der Rue de Rivoli näherten, sahen sie eine Prozession eleganter Wagen.

Die Fürstin Pauline von Metternich, die Frau des gerade ernannten österreichischen Botschafters in Paris, war an diesem Abend bei Hofe vorgestellt worden. Worth erhaschte nur einen Blick auf die Fürstin, aber er war von Ihrer Erscheinung und ihrem Geschmack sofort eingenommen. Ihm kam eine Idee…

Ein paar Wochen später wartete Marie Worth nervös in der österreichischen Botschaft, um Madame de Metternich Zeichnungen der schönsten Kreationen ihres Mannes vorzulegen.

“Ich öffnete das Album”, schrieb die Fürstin dazu in ihren Memoiren, “und wie groß war die Überraschung, auf der ersten Seite ein ganz reizvolles Kleid und auf der zweiten Seite eine ganz hinreißendes Kleid zu finden! Sofort spürte ich einen Künstler …” Der Fürstin wurde angeboten, die Kleider für nur je 300 Franc zu erhalten, wenn sie sie bei Hofe tragen würde.

Charles Worth

Kaiserin Sissi in Worth

Auf dem nächsten Hofball bemerkte Kaiserin Eugénie das Kleid von Worth und richtete das Wort an die Fürstin: “Darf ich Sie fragen, Madame, wer dieses Kleid gemacht hat, so wunderbar elegant und einfach?”
“Ein Engländer, Madame, ein neuer Stern am Himmel der Mode”, antwortete Madame de Metternich.
“Und wie ist sein Name?”
“Worth.”
“Nun”, schloss die Kaiserin, “sagen Sie ihm, er soll um zehn Uhr morgen früh zu mir kommen.”
“Er war gemacht, und ich war verloren”, schrieb die Fürstin Metternich scherzhaft, “denn von diesem Moment gab es keine mehr Kleider zu je 300 Franc.”
So avancierte Worth zum Hoflieferanten.

Andere berühmte Namen folgten, wie Königin Victoria, Elisabeth „Sissi“ von Österreich, die Schönheit Lillie Langtry, die Schauspielerin Sarah Bernhardt, die Sopranistin Nellie Melba und die Halbweltdame Cora Pearl, um nur ein paar zu nennen.

Haute Couture

Charles Frederick Worth

Salon Worth

Worth schmeichelte zwar seinen Kundinnen mit luxuriösen Materialien und sorgfältigem Schnitt, aber die von ihm entwickelte Modelinie war sehr viel weniger revolutionär als sein Marketing.

Seine einzige große Änderung am Schnitt der Kleider bestand darin, dass er die ausladenden Reifröcke in eine gemäßigtere Form brachte, den Rock vorne abflachte und die Fülle des Stoffes nach hinten nahm, woraus die Turnüre entstand. Auch kürzte er später die Kleider vorne etwas, so dass ein Teil des Schuhes zu sehen war. Das wars mit den modischen Neuheiten.

Allerdings schuf er eine völlig neue Art der Kleiderproduktion und bereitete so den Weg für die heutige Modeindustrie. Während zuvor die Kundinnen das Design ihrer Kleider vorgaben, stellte Worth seine Mode erst jährlich, dann bis zu vier Mal jährlich in Kollektionen  vor. Die Kundinnen wählten dann ein Modell, das mit einem Stoff ihrer Wahl maßgeschneidert wurde.

Anders als das damals übliche “Verbessern” der Kleider mit Accessoires durch eine Modistin, war seine Kleidung komplett und fertig, wenn sie sein Atelier verließ. 1870 beschäftigte das Haus Worth über 1.200 Näherinnen, die jede Woche mehrere hundert Kleider herstellten. 1867 schuf Worth ein Vertriebsprogramm, das ausländischen Einkäufern den Erwerb von Schnittmustern ermöglichte.

Er war der erste Modeschöpfer, der mehr als Künstler denn als Handwerker verstanden wurde und dementsprechend war in Worths Modelle sein Namensschild eingenäht.

Kleider von Worth

Charles Frederick Worth

Ballkleid ca 1898, Metropolitan Museum

Dieses rechts zu sehende großartige Design aus dem Hause Worth zeigt die Ästhetik der Belle Époque. Die Silhouette des Kleides wird durch die damals modische umgekehrte S-Kurve bestimmt, die Taille wird mit einem Korsett schmal geschnürt.

Das dramatische schwarze Muster, das an geschmiedete Ranken erinnert, spiegelt den beginnenden Einfluss des Jugendstils.Diese markante Grafik entsteht durch die Gegenüberstellung von schwarzen Samt auf elfenbeinfarbenem Satin Boden.

Um diesen Effekt zu erreichen, wurde das Kleid à la disposition gewebt. Das bedeutet, bei jedem Schnitteil wurde das Muster vorher festgelegt und dann erst der Stoff hergestellt, damit es sich zu dem gewünschten Ganzen zusammenfügen liess.

Charles Frederick Worth

Orientalisches Kostüm, Metropolitan Museum

Im neunzehnten Jahrhundert waren Kostümbälle en vogue, besonders das Thema Orient war beliebt. In die Kostüme wurde viel Mühe und Geld gesteckt, auch wenn man bei der Verkleidung nicht viel von der “schicklichen” Mode der damaligen Zeit abwich.

Links ist ein solches Kostüm aus Seidentaft in creme und hellblau zu sehen, das ein authentisches Ensemble aus der Türkei ist und auch dort im orientalischen Stil mit Gold bestickt wurde, im Haus Worth aber an die Mode der 1870er Jahre angepasst wurde.

Die voluminöse Haremshose mit Tunnelzug behielt ihre ursprüngliche Form, aber das ursprünglich lose Oberteil wurde vermutlich im Auftrag des Kunden zu einem engen Mieder umgearbeitet, wobei die Stickerei kunstvoll in den neue Schnitt des Kleidungsstücks integriert wurde.

Das berühmte Pfauen-Kleid trug Lady Mary Curzon, Vizekönigin von Indien,

Charles Worth

Pfauenkleid, National Trust at Kedleston Hall

1903 auf dem Delhi Durbar, dem königlichen Hof im indischen Delhi, zur Feier der Krönung von Edward VII. Ein Gast auf dem Ball bemerkte: “You cannot conceive what a dream she looked.”

Der Stoff des Kleides wurde in Indien hergestellt. Es ist ein mit Gold bestickter Seidenchiffon, der ein Muster aus sich überlappenden Pfauenfedern bildet. Das”Auge” der einzelnen Pfauenfeder ist mit echten grünen Käferflügeln der Art Cetonia Cyrata bestickt, einem Blatthornkäfer von der Größe eines Maikäfers. Die schillernden Flügel lassen das Kleid wie von Juwelen bestickt aussehen. Die spektakuläre Schleppe und der Rock sind mit weißen Rosen gesäumt.

Stoff und Material wurden dann nach Paris geschickt und das Maison Worth fertigte daraus ein zweiteiliges Kleid. Aufgrund der Metall-Stickerei wiegt das Kleid ganze 5 kg.

Author: Rain Elixirs

Share This Post On

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>