160 Jahre Burlesque – Vaudeville bis Neo Burlesque

burlesqueBurlesque ist Ende des 19. Jahrhunderts als Teil des amerikanischen Unterhaltungstheaters genannt Vaudeville entstanden.

Vaudeville war für alle Gesellschaftsschichten erschwingliches Theater mit Zirkuscharakter, das als eine lose Folge von Comedy-, Gesang-, Tanz- und Akrobatiknummern aufgebaut war. Der sehr bekannte Sketch “Dinner for one”, auch als der “90. Geburtstag” bekannt, geht z.B. auf eine Vaudeville Nummer zurück.

Bei der Burlesque handelte es sich ebenfalls um eine einzelne Nummer einer solchen Show in der zusätzlich zur artistischen Darbietung wie Gesang, Zauberei etc. ein gewagtes Outfit getragen oder sogar ein angedeuteter Striptease durchgeführt wurde. Das bloße Ausziehen von Handschuhen konnte dabei zur erotischen Attraktion werden und übrigens auch zur einzigen.

Aus dieser Entstehungsgeschichte heraus wird deshalb verständlich, dass Striptease und Burlesque einen ganz grundlegenden Unterschied haben: Burlesque ist Unterhaltung mit Ironie und Witz, mit akrobatischen oder tänzerischen Elementen, mit ausgefallenen und sexy Kostümen und jede Menge Glitter und Glamour. Das Ausziehen bis auf die Unterwäsche ist ein sehr moderner Teil von Burlesque und kein historischer und deshalb auch nicht zwangsläufig. Ich habe schon tolle Burlesque Nummern gesehen, in denen überhaupt kein Striptease enthalten war.

Burlesque

Pauline Markham als Venus

Abgesehen davon ging es bei Burlesque sowieso nie um wirkliche Nacktheit und das geht es selbst mit Striptease auch heute nicht – es geht um Verführung und spielerische Erotik. Deswegen mögen sehr viele Frauen Burlesque, aber keine Strip Clubs.

Die Anfangszeit

Lydia Thompson und ihre Theatergruppe British Blondes gehörten um 1850 zu den allerersten, die Burlesque auf der Bühne zeigten, wobei es sich noch eher um Theater handelte.

Das von ihnen am New Yorker Broadway gezeigte unglaublich erfolgreiche Stück Ixion war an die griechische Mythologie angelehnt und zeigte die Beine der Schauspielerinnen. Eine ungeheuerliche Sensation in der damaligen Zeit.

Pauline Markham spielte darin die Göttin Venus, die von Lydia Thompson als König Ixion verführt wird.

Um 1900 waren die British Blondes weltbekannt und spielten großen Revuen im Paradise Roof Garden in Ney York.

Ziegfield Follies

Burlesque

Gertrude Hoffman als Salome

Die Ziegfeld Follies waren benannt nach ihrem Produzenten Florenz Ziegfeld Jr. und hatten die Pariser Folies Bergère zum Vorbild. Die „Follies“ waren Vaudeville und Burlesque in ganz großem Stil.

Es gab also wie beim Vaudeville keine Handlung, sondern ein aus Nummern zusammengestelltes Programm, das bei den Ziegfield Follies jährlich wechselte. Wie im Moulin Rouge stand eine Gruppe Chorus Girls im Zentrum, die synchron tanzten.

1906 wurde Gertrude Hoffman, ein Star der British Blondes, von Florenz Ziegfeld für seine Vision eines Revuetheaters abgeworben und zu einem der Ziegfield Girls. 1907 starteten die Ziegfield Follies mir ihrer ersten großen Produktion Salome mit Hoffman in der Hauptrolle.

Die Rolle der Salome war nicht nur einer ihrer größten Erfolge, sondern auch einer der skandalträchtigsten. Wegen des kurzen Kostüm und ihres anzüglichen Tanzes wurde Hoffman mehrfach verhaftet, was sie allerdings nur berühmter und beliebter werden ließ.

BurlesqueFlorenz Ziegfeld war zusammen mit seinem Konkurrenten George M. Cohan der einflussreichste Revue-Produzent am Broadway.

Viele berühmte Songs und Karrieren nahmen ihren Ausgang in diesen Revuen. 1925 war zum Beispiel der 20er Star Louise Brooks Tänzerin bei den Ziegfeld Follies. Die Follies schlossen endgültig 1936 und waren im Folgenden immer wieder Gegenstand von Verfilmungen.

Burlesque in Deutschland

In Deutschland gab es kein Vaudeville, was wahrscheinlich daran liegt, dass die USA nur langsam dicht besiedelt wurden und in vielen Städten nach und nach Theater gebaut wurden, so dass der Bedarf nach Unterhaltung anders erfüllt werden musste als hier. Das Programm von Jahrmärkten und dem Zirkus unterschied sich in Deutschland grundsätzlich vom dem der Theater und eine gegenseitige Inspiration gab es wenig.

Deshalb wurde das KoBurlesquenzept der Revue nach dem ersten Weltkrieg aus Frankreich importiert, aber ab den 20er Jahren auch von amerikanischen Produktionen und insbesondere Filmen aus Hollywood in Richtung Burlesque beeinflusst.

Rudolf Nelson gründete am Berliner Kurfürstendamm die Kabarett-Revue, in der Stars wie 1926 Josephine Baker gastierten.

König unter den Berliner Revue-Produzenten war Erik Charell, der den Wintergarten betrieb und 1924 das Große Schauspielhaus von Max Reinhardt pachtete. Seine Stars waren die Londoner Tiller-Girls, die zu den bekanntesten Chorus Girls ihrer Zeit gehörten.

Moulin Rouge & Folies Bergère

Burlesque

Mistinguett

Das Moulin Rouge in Paris ist wohl das bekannteste Varieté-Theater der Welt. Es wurde 1889 von Charles Zidler and Joseph Oller gegündet, die auch das Paris Olympia besaßen. Das Etablissement im Pariser Bezirk Pigalle hat auf dem Dach eine rote Windmühle, die für die Namensgebung sorgte.

Das Moulin Rouge ist bekannt für die Erfindung des Can-Can Tanzes. Dieser ging ursprünglich auf Ideen der Pariser Prostituierten zurück, die genau wie im Revue Theater Folies Bergère in den Räumlichkeiten als “Nebenprogramm” durchaus gewollt ihre Geschäfte anbahnten und sich dazu einiges einfielen ließen.

Eine der bekanntesten Stars in den Pariser Shows war Mistinguett, deren Karriere-Höhepunkt in den 20er und 30ern lag. Sie war besonders als Entertainerin und Sängerin bekannt.

Hollywood Burlesque

In den 30er Jahren etabliert sich Burlesque als eigenständige Kunstform und kann nun das gesamte Programm einer Vorführung bestimmen und nicht mehr nur einzelne Nummern. Und Burlesque wird Gegenstand mehrerer Hollywood Filme.

1933 kam der Streifen Ich bin kein Engel ins Kino, in dem Mae West eine Burlesque-Tänzerin beim Zirkus spielt, die sich später als Löwenbändigerin emanzipiert.

burlesque

Gypsy Rose Lee – Königin der Nacht

Der Film Dance, Girl, Dance zeigt zwei Freundinnen, von denen sich eine für die Karriere als Prima Ballerina entscheidet, während die andere Burlesque Tänzerin wird. Lady of Burlesque handelt von einem Mordfall im Burlesque-Milieu und basiert auf einem Roman von niemand Geringerem als dem Pin Up Star Bettie Page.

Gerade Bettie Page verdeutlicht, das Burlesque teilweise nahtlos in den Pin Up Stil übergeht und sehr bestimmend für das Schönheitsempfinden einer ganzen Epoche sind.

Die 40er und 50er sind jedenfalls die goldene Zeit der Burlesque. Vor der Zeit des Fernsehens mussten die Menschen für Unterhaltung nach draußen gehen – in die Filmpaläste und Revuetheater. Die Burlesque Shows der goldenen Ära des Burlesque fanden in großen, eleganten Theatern statt mit einem komplettem Orchester, ausgefallenem Bühnenbild und kostbaren und fantasievollen Kostümen.

Den Film Manche mögen’s heiß mit Marilyn Monroe, beschreibt der Schauspieler Jack Lemmon als eine auf 2 Stunden ausgedehnte, 5 minütige Burlesque Show.

BurlesqueBurlesque stirbt in den 60er Jahren aus als sich die Geschlechterrollen und sexuelle Tabus ändern, Nacktheit normal wird und Pornografie den Markt flutet.

In den 60er Jahren näherte sich der Film dem Thema deshalb dokumentarisch an. Gypsy – Königin der Nacht und Die Nacht, als Minsky aufflog sind Filme, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Auch der Film Cabaret mit Liza Minnelli als erotische Tänzerin stellt eine realistische Annäherung an das Thema dar, da er auf der Autobiographie von Christopher Isherwood und seinem Leben im Berlin in den 20er Jahren basiert.

Neo Burlesque

Seit Ende der 90er findet mit Neo Burlesque und Dita van Teese als Burlesque-Queen eine Wiederbelebung statt.

Burlesque

Burlesque Star Dirty Martini

Die Neo Burlesque Bewegung feiert den Glamour und den Sex Appeal von Frauen jeden Alters und aller Größen. Performer besinnen sich auf die Ästhetik der 30er bis 50er Jahre und betonen die natürlich weibliche Figur.

Neo Burlesque setzt dabei auf einen humorvoll-fantasievoller Bühnenauftritt und geht weniger in Richtung einer ernsthaften erotischen Animation. Somit erlaubt New Burlesque eine deutlich erweiterte Palette an Stilrichtungen wie beispielsweise die Symbiose mit Tanzstilen wie dem orientalischen Tanz oder dem Charleston, der Comedy oder der Akrobatik. Dabei liegt der erotische Fokus auf neckisch-humorigen Reizen (tease), das bloße Ausziehen (strip) entfällt bzw wird sehr reduziert.

Bei der Musikauswahl sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt – alle Variationen aus klassisch-orientalischer und klassischer Tanzmusik wie Walzer oder Tango, über Swing, Chanson und Musical als auch moderner Pop sind bei Neo Burlesque zu hören.

Seit der Jahrtausendwende ist Neo Burlesque auch im Kino angekommen. Das begann 2002 mit der Filmversion des Musicals Chicago mit Catherine Zeta-Jones und Renée Zellweger. In The Notorious Bettie Page wird 2005 das Leben eben dieses Pinup Stars porträtiert. Mit A Wink and a Smile und Burlesque Undressed entstehen Dokumentationen zu dem Thema.

Author: Rain Elixirs

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